Interview mit Sanna Seven Deers


Sanna Seven Deers

 

Das Leben ist ein kostbares Geschenk. Wir müssen versuchen, das bestmögliche daraus zu machen.

 

 

 

Vita

Sanna Seven Deers wurde 1974 in Hamburg geboren und schloss 1996 ihr Studium als Finanzwirtin ab. Während ihres Studiums lernte sie im Museum für Völkerkunde den indianischen Bildhauer David Seven Deers kennen, der an einen Totempfahl schnitzte.

In den nächsten beiden Jahren besuchte sie mehrmals mit David das Reservat seines Stammes in der Nähe von Vancouver, British Columbia, Kanada. 1997 heirateten die beiden auf dem Reservat und Sanna wanderte nach Kanada aus. Mit ihren vier Kindern leben sie auf der eigenhändig von ihnen aufgebauten Ranch „Shaheylah“, die sehr abgelegen, etwa 600km östlich von Vancouver nahe der US Grenze auf 1200m Höhe, in der Wildnis der kanadischen Berge liegt.

 

 

Liebe Sanna, bitte erzähle uns etwas über dich als Mensch.

Ich denke, jeder Mensch hat die Aufgabe anderen zu helfen. Für diesen Zweck hat ein jeder eine bestimmte Gabe mit auf den Weg bekommen und es liegt an uns diese Gabe zum Wohle aller einzusetzen. Für mich fängt das Helfen bei meinen eigenen Kindern an, in dem ich für sie da bin und ihnen den bestmöglichen Start ins Leben gebe (und das hat nichts mit materiellen Dingen zu tun). Man kann seine Hilfe schließlich erst anderswo anbieten, wenn im eigenen Hause alles im Klaren ist. Das Schreiben sehe ich als Geschenk, als Gabe an, welches mir ermöglicht Botschaften in die Welt zu senden. Wenn meine Botschaften auch nur einen Menschen erreichen und ihm ein wenig auf seinem Lebensweg helfen, dann hat sich meine Mühe gelohnt. Das Leben ist ein kostbares Geschenk. Wir müssen versuchen, das bestmögliche daraus zu machen.

 

Du hast deinen Mann in deiner Heimat kennengelernt und bist ihm, in eine für dich fremde Welt gefolgt. Wie schwierig war diese Entscheidung für dich?

Es war schwieriger als ich es mir vorgestellt hatte. Natürlich hat die Liebe zu meinem Mann mir sehr geholfen, aber alle Brücken hinter sich abzubrechen, ist nicht so einfach. Ich war immer ein sehr familienorientierter Mensch, bin nie länger als auf Urlaub von Zuhause weggewesen. Dazu kommt, dass mein Mann Künstler ist, Geld ist bei uns meist rar. Damit zu planen, dass ich regelmäßig nach Deutschland zurück kommen würde, war allein aus finanzieller Hinsicht eine Illusion und das wusste ich. Am Flughafen von meinen Eltern Abschied zu nehmen, war daher noch mal schwerer. Am Anfang hatte ich oft Heimweh, obwohl sich David und auch seine Verwandten sehr lieb um mich gekümmert haben. Ein großer Pluspunkt war aber, dass David mir versichert hat, dass er mit mir nach Deutschland ziehen würde, sollte es mir in Kanada überhaupt nicht gefallen. Glücklicherweise hat sich das Heimweh dann sehr schnell gelegt und ich habe mich gut eingelebt. David und ich haben uns ein neues Leben aufgebaut und jetzt, da wir die Kinder haben, habe ich auch wieder eine richtige Familie um mich.

 

 

Interessiertest du dich vor dieser Begegnung für die indianische Kultur?

Ja, schon seit meiner Kindheit.

 

Du lebst mit deiner Familie ohne Elektrizität auf einer Ranch in den kanadischen Rocky Mountains. Ihr habt euch bewusst euer Heim ausgesucht. Warum gerade an diesem Ort und was bedeutet Shaheylah?

David und ich waren uns von Anfang an einig, dass wir unsere Kinder nicht auf dem Reservat aufwachsen lassen wollten. Die Zustände dort sind sehr instabil, hohe Arbeitslosigkeit, Drogen, Alkohol. Zudem grenzt das Reservat auf dem Davids Familie lebt an eine große Stadt an. Wir aber wollten, dass unsere Kinder so ungezwungen und naturnah wie möglich aufwachsen, dass sie wirklich Kinder sein können. Daher haben wir uns dazu entschlossen, das Reservat zu verlassen und in die Wildnis zu ziehen. Hier können die Kleinen ausgelassen herumtoben, können den Wind spüren, den Wald riechen und Adler, Bären, Pumas, Elche, Kojoten und viele andere Tiere in freier Wildbahn beobachten. „Shaheylah“ bedeutet in der indianischen Sprache meines Mannes so viel wie „schöner, weiser Ort“. „Schön“ im Sinne von „harmonisch, friedvoll, glücklich“, nicht nur schön im Aussehen. In der indianischen Kultur hat jeder Ort eine individuelle Ausstrahlung, einen Charakter. So ist der Name für unsere Ranch entstanden.

 

Wie weit liegen Einkaufsmöglichkeiten entfernt?

Im nächsten Ort gibt es einen kleinen Laden, aber die Auswahl dort ist sehr begrenzt und die Preise hoch. Der nächstgelegene Supermarkt, in dem man wirklich alles bekommen kann, ist fast 60 Kilometer von unserer Ranch entfernt. Wir fahren einmal pro Woche zum Einkaufen dorthin, im Winter oft nur alle zwei Wochen, weil dann die Straßenverhältnisse oft schlecht sind, besonders bei uns oben auf dem Berg.

 

Vermisst du Annehmlichkeiten, die für uns selbstverständlich sind?

Wenn man im Winter nachts alle paar Stunden aufstehen muss, um Holz nachzulegen, damit das Haus warm bleibt oder man für ein Bad oder eine Dusche große schwere Töpfe vom Ofen ins Badezimmer schleppen muss oder man frustriert ist, weil die Solaranlage nicht so funktioniert, wie sie soll, dann gibt es manchmal solche Momente. In kalten Nächten Holz im Ofen nachzulegen hört sich natürlich sehr romantisch an, aber wenn man es machen muss und das für mindestens fünf Monate im Jahr, dann sieht die Sache schon ganz anders aus. Tauschen möchte ich mein Leben trotz allem mit niemand. Es ist für mich sehr befriedigend zu erleben mit wie wenig eine Familie auskommen kann; auf wie viel man eigentlich verzichten kann, ohne dass es groß ins Gewicht fällt. Außerdem ermöglicht es mir gerade diese ungewöhnliche Situation, die kreative Energie zu finden, um meine Bücher zu schreiben.

 

Wie sieht ein ganz normaler Tag bei dir aus?

Wir stehen zwischen halb sieben und sieben Uhr auf. Nach dem Frühstück werden die Tiere versorgt (wir haben zwei Pferde, zwei Hunde, einige Katzen und Hühner), dann beginnt der Schulunterricht. Je nach dem wie es läuft, ist die Schule zwischen ein Uhr oder ein Uhr dreißig aus. Dann gibt es ein schnelles Mittagessen und die Kinder gehen raus zum Spielen. Ich erledige den Haushalt und anschließend geht es weiter mit Gartenarbeit oder anderen anfallenden Arbeiten draußen (Arbeitsmangel gibt es bei uns nicht. Es muss immer etwas ausgebessert oder angebaut werden). Gegen 17 Uhr fange ich mit dem Kochen an und nach dem warmen Abendessen müssen dann noch wieder die Tiere versorgt und Feuerholz zum Haus geholt werden. Dann ist es meist 19 Uhr dreißig und an der Zeit, die Kinder ins Bett zu bringen. Mit Vorlesen usw. ist es meist 21 Uhr, bis ich wieder unten bin. Zum Schreiben bleibt mir die Wahl zwischen Nachtschicht (von 21 bis 24 Uhr) oder Frühschicht (von 4 bis ca. 7 Uhr), je nach dem wie mir der Sinn steht. Oftmals bin ich abends so müde, dass es effektiver ist, das Schreiben auf den frühen Morgen zu verlegen. Langeweile gibt es nicht bei uns und auf den neuen Gartenmöbeln haben wir diesen Sommer auch kaum mehr als ein paar Minuten am Stück gesessen. Wenn ich gefragt werde, was wir denn den ganzen Tag über so machen, es müsse doch sehr langweilig sein ganz allein in der Wildnis, kann ich nur lachen.

 

Deine Kinder, die du selbst unterrichtest, müssen doch sicher Prüfungen ablegen.

Es ist schwer zu glauben, aber hier in Kanada müssen die Kinder, die Zuhause unterrichtet werden, nur dann Prüfungen ablegen, wenn sie bei einer Correspondence School (also einer Fernschule) angemeldet sind. Aber selbst dort beginnen die Prüfungen erst in der 10. Klasse. Sucht man sich den Lehrstoff selbst zusammen, können die Kinder durchaus die gesamten zwölf Schuljahre ohne eine einzige Prüfung auskommen. Dann gibt es allerdings auch kein offizielles Abschlusszeugnis und wollen die Kinder zur Uni gehen, müssen dort entsprechende Aufnahmeprüfungen abgelegt werden. Das ist aber alles normal hier und wird vollkommen akzeptiert. Die Zahl der Kinder in Nordamerika, die Zuhause unterrichtet werden, ist sehr hoch.

 

Wer betreut deine Homepage? Wie oft hast du die Möglichkeit, deine Mails abzurufen?

Meine Homepage betreut ein Bekannter in Deutschland, der so etwas beruflich macht. Meine Mails versuche ich zweimal in der Woche abzurufen, öfter, wenn dringende Sachen anstehen.

 

Auf so große Distanz die Verbindung nach Deutschland zu halten, ist sicher schwierig, vor allem, da du keinen Telefonanschluss hast.

Das stimmt. Wir haben nur ein Handy, das seit Kurzem zwar auch vom Haus aus funktioniert, aber nur mit Hilfe einer großen Antenne (weil wir halt so abgelegen wohnen). Die Antenne braucht Strom und da wir den nur sehr eingeschränkt zur Verfügung haben, ist das Telefon nur an, wenn wir auch wirklich telefonieren wollen. Außerdem sind die Telefonkosten fürs Handy sehr hoch, anders als in Deutschland, und so beschränken wir uns auf minimales Telefonieren. Eigentlich ist das Telefon nur für Notfälle da. Ab und zu rufe ich bei meinen Eltern an, aber für Plauschgespräche mit Freunden in Deutschland reicht es kaum einmal.

 

Wann kam die Idee, Romane zu schreiben?

Ich habe immer schon gerne geschrieben. Aber vor gut 12 Jahren habe ich einmal einen Roman gelesen und anschließend zu meinem Mann gesagt: „So etwas könnte ich auch zustande bringen.“ Da hat er mich beim Wort genommen und mich herausgefordert: „Dann mach es doch.“ Da musste ich natürlich irgendetwas auf die Beine stellen…

 

 

 

Wie gestaltest du deine Schreibprozesse? Plottest du durch oder schreibst du aus dem Bauch heraus? Du schreibst ohne den Vorteil, am Computer ganze Passagen löschen zu können. Überlegst du dir genau, wie der nächste Satz lautet?

Meinen ersten Roman „Feuerblume“ habe ich einfach aus dem Bauch heraus geschrieben. Für die anderen Bücher habe ich vorher einen Plott ausgearbeitet ohne jedoch alle Einzelheiten festzulegen. Es ist das Herausarbeiten der einzelnen Charaktere, der einzelnen Szenen, was mir so viel Spaß macht. Stünde von vornherein schon jedes Detail fest, würde mir das Schreiben, glaube ich, zu langweilig werden. Ich schreibe mit Bleistift, kann also freizügig radieren.

 

Ist dein Roman „Feuerblume“ eine Art Autobiografie?

Das werde ich ganz oft gefragt. Nein, „Feuerblume“ (erscheint November 2011) ist keine Autobiografie. Aber ich habe viele meiner eigenen Erlebnisse und Eindrücke, aus der Zeit als ich gerade erst nach Kanada gezogen war, in die Geschichte eingebaut. Besonders die wundervollen Geschichten, die mir Davids Großtante Rosaleen George erzählt hat, wollte ich gerne für die Nachwelt festhalten. Sie war eine sehr außergewöhnliche, eine sehr weise Person und ich bin dankbar, dass ich sie kennenlernen durfte.

 

 

 

Wie viele Bände planst du für deine Kinderbuchreihe Beaver Creek Ranch, oder überlässt du es dem Zufall?

Für Beaver Creek Ranch habe ich bisher 3 Geschichten geschrieben. Die Bände sollen ungefähr in sechsmonatigem Abstand erscheinen. Wie viele Titel es insgesamt werden, wird wohl auch davon abhängen, wie die Serie bei den Lesern ankommt und wie ich es zeitlich schaffe. Mir selbst macht das Schreiben an den Kinderbüchern sehr viel Spaß und ich hätte noch ausreichend Ideen für viele weitere Bände.

 

 

 

Woher nimmst du die Ideen für deine Bücher? Spielen die Erzählungen deiner indianischen Verwandten eine Rolle?

Die Ideen für meine Bücher stammen allesamt aus meinem näheren Umfeld. Es sind Dinge, mit denen ich selbst konfrontiert werde, die ich erlebt habe oder von denen ich höre und die mich dann so sehr beschäftigen, dass ich mich näher mit ihnen befasse. Der Rassismus und die Suche nach Gold mit der damit zusammenhängenden Zerstörung der Natur, die ich in „Windlied des Bären“ geschildert habe, sind z.B. Dinge, die ich an eigenem Leibe erfahren habe bzw. die unser eigenes Land bedroht haben. Das Teilnehmen an vielen unterschiedlichen indianischen Zeremonien ermöglicht es mir, auch über die spirituellen Aspekte der indianischen Kultur authentisch berichten zu können. Ich habe gelernt den spirits, den Geistwesen zuzuhören und bin sehr dankbar für ihre Segnungen.

 

Die Winter in den Bergen sind lang, kalt und sehr schneereich. Das Leben geht ein gemäßigteres Tempo. Schreibst du vorwiegend in dieser Zeit?

Das stimmt schon. Unsere Winter sind sehr kalt und schneereich und vor allem lang. Aber weniger Arbeit gibt es nicht unbedingt. Wir müssen unsere drei Kilometer lange Zufahrt selbst räumen, das Feuer im Ofen darf nicht ausgehen und und und… Dann kommt noch der Unterricht für die Kinder hinzu, der im Sommer durch die langen Sommerferien entfällt. Unterm Strich komme ich auch im Winter nur am späten Abend oder ganz früh morgens zum Schreiben.

 

Hattest du schon vorher Kontakt zu Verlagen oder wie kam die Verbindung zustande?

Kontakte zu Verlagen hatte ich überhaupt nicht. Ich war mit meinem Mann und den Kindern im Winter 2008/2009 in Hamburg. Dort haben wir eine nette Filmautorin kennengelernt, die wiederum Kontakt zu einer Agentur hatte, die Verträge zwischen Autoren und Verlagen vermitteln. Davon wusste ich allerdings nichts, als ich ihr meine ersten beiden Romane zum Lesen mitgegeben hatte. Einige Zeit später, als wir schon wieder in Kanada waren, hat mich die Buchagentin kontaktiert. Es ist ganz unglaublich, wie die Dinge sich seitdem entwickelt haben. Manche sagen, es sei Zufall gewesen. Aber ich glaube nicht an Zufälle…

 

Du schreibst deine Romane handschriftlich. Akzeptieren dies die Verlage ohne Weiteres?

Nein, ich muss die Manuskripte als Word Dokument einreichen. Daran geht leider kein Weg vorbei.
Ich habe einen Laptop auf dem ich meine Manuskripte abtippe. Wir haben seit Neuestem eine ganz kleine Solaranlage, die ein paar Lampen usw. betreibt (ist mit den Kindern sicherer als die Petroleumlampen). Ich kann also die Batterie des Laptops aufladen. Um meine Mails abzurufen muss auch erst der Strom angestellt werden. Wir wohnen sehr abgelegen und brauchen eine große Antenne und einen Verstärker um Internetanschluss zu bekommen. Auch diese beiden Dinge fressen viel Strom, werden also nur angestellt, wenn sie tatsächlich gebraucht werden.

 

 

 

Das AusZeit-Magazin bedankt sich für das Beantworten der Fragen und wünscht weiterhin viel Erfolg.

Das Interview führte Andrea

 

 

Hier gehts zur Homepage der Autorin: www.sannasevendeers.com

AZ-Review zu “Der Ruf des weißen Raben

 

 

 

3 Antworten auf Interview mit Sanna Seven Deers

  • Karin Varch sagt:

    liebe andrea,

    ein überaus informatives interview mit einer höchst interessanten frau!
    Macht weiter so – euer auszeit-magazin wird bestimmt viele leser anziehen!
    herzlichen Gruss
    Karin Varch

  • sharon- sagt:

    Ich bin ein indianerfan seit ich denken kann und habe den Ruf des weißen raben gelesen und danach begrabt mein Herz an der biegung des Flusses von dee brown ein Buch dass mit Blut und tränen geschrieben wurde. Ich wuerde mich freuen mit sanna mailen zu können ausserhalb von Facebook. Wurde schon ein Buch von ihr verfilmt? Danke sanna das es Menschen wie dich und deinen Mann gibt, die die Welt schöner machen. Danke Andrea das du diese Menschen gefunden hast. Alles gute

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>


☆*Zum Review? Klick auf's Cover!*☆


ღ-lichen Dank für die AusZeichnung ...